Die Baggergeschichte

Diese Zufallsgeschichte entlud sich nach und nach an einem Nachmittag vor ca. 6 Jahren. Es war eine so seltsame Verquickung von 3 Orten und von verschiedenen Umständen, daß ich das Gefühl bekam in einem Film zu sein. Vorausschicken muß ich, daß wir Privatgärten im japanischen Stil in Berlin und im ganzen Bundesgebiet anlegen.

1996 hatten wir den Auftrag einen Garten für einen Kunden in Zehlendorf im Süden Berlins anzulegen. Zum Transportieren und Setzen der Gartensteine und für die Erdmodulation des Kundengartens benötigten wir einen Radlader, den wir uns bei einer Verleihfirma besorgen wollten. Reiner suchte in den Gelben Seiten und entschied sich für eine Firma, deren Sitz sich der Adresse nach in Alt Moabit im Berliner Zentrum befand, in der gleichen Straße, in der wir auch wohnten. Der Standort der Firma spielte in dieser Hinsicht eigentlich keine Rolle, weil der auszuleihende Radlader ja sowieso zur Gartenbaustelle nach Zehlendorf transportiert werden mußte. Logischer wäre wohl gewesen, nach einer Verleihfirma in Zehlendorf zu suchen.

Der Radlader wurde pünktlich geliefert und Reiner und weitere Hilfskräfte konnten beginnen, die vor dem Grundstück liegenden Felsen auf das Gartengelände zu transportieren. Nach einer ganzen Weile bemerkte Reiner einen kleinen Jungen hinterm Gartenzaun, der fasziniert die Rangier- und Transportierarbeiten mit dem Radlader verfolgte. Reiner lud ihn ein mit ihm im Führerhäuschen zu fahren und der Junge nahm sofort begeistert an. Ich hatte derweil die Aufgabe, den Bürgersteig zu sichern.

Nach einer Weile sprach mich eine Passantin auf die Gartenarbeiten an, ich erzählte ihr von uns und sie von ihrem japanbegeisterten Mann und von ihrem Sohn, wie sich herausstellte der Junge auf dem Radlader. Der Junge träume schon lange vom Beruf des Baggerfahrers und kenne alle Geräte und Herstellertypen, erzählte mir die Frau. Leider litte der Junge an einer Augenerkrankung, deren medizinische Behandlung sehr langwierig und schmerzhaft wäre und die er nur standhaft ertrug, weil er wußte, daß Baggerfahrer ihr Prüfungszertifikat nur mit einem positiven Augentest bestehen können. Trotz der weiten Anfahrt hatte sich die Frau für einen Augenarzt in Alt Moabit entschieden, weil dieser wohl besonders fähig sei. Sie fuhr also einmal in der Woche in die Straße, in der wir wohnten und die Verleihfirma ihren Sitz hatte.

Die Frau rief ihren Sohn zu sich, sie wollte mit ihm nun nach Hause gehen. Widerwillig kletterte er vom Radlader und Reiner begleitete ihn zu uns. Ganz selbstbewußt belehrte der Junge uns, daß genau dieser Radlader, den wir uns ausgeliehen hatten, sonst auf einem Hof hinter dem Haus, in dem er und seine Mutter wohnten, untergebracht wäre. Ich entgegnete, daß dies wohl nicht möglich sein könnte, da sich die Verleihfirma schließlich in einem ganz anderen Stadtteil befände. Der Junge war sich aber völlig sicher und eine Verwechslung käme nicht in Frage.

Während wir noch am Zaun des Gartengrundstücks standen, kam der Sohn der Kundenfamilie aus dem Haus. Die Frau fragte ihn überrascht, ob er denn hier wohnen würde, sie hätte sich schon gewundert, daß sie ihn solange nicht mehr gesehen hätte. Mir erklärte sie, daß dieser Junge vor einem halben Jahr noch mit seiner Mutter, mit der sie sich gut verstanden hatte, in ihrer Nachbarschaft gewohnt hätte. Da ich über die Familiengeschichte Bescheid wußte, klärte ich sie auf:
Die frühere Frau unseres Kunden war vor einem Jahr nach langer Krankheit gestorben. Seine neue Frau, die die Krankenpflegerin ihrer Vorgängerin war, war erst vor einem halben Jahr mit ihrem Sohn in sein Haus gezogen. Gemeinsam hatte die neu zusammengefundene Familie begonnen das Haus umzubauen und zu renovieren. Während der für sie turbulenten Umwälzungen in ihrem Leben hatte die neue Ehefrau keine Zeit gefunden, sich um ihren Bekanntenkreis zu kümmern.

Just in diesem Moment trat sie auch schon aus dem Haus, um Reiner wegen eines Telefonats hinein zu rufen. Die beiden Frauen begrüßten sich herzlich und freuten sich über diese Begegnung. Ich stand nur da und wunderte mich über den Lauf der Dinge. Als Reiner vom Telefonieren zurück kam, erzählte er mir, daß es die Verleihfirma war, die wissen wollte, wie lang Reiner den Radlader vorraussichtlich benötigen würde, da sie einen weiteren Interessenten hätte. Natürlich hatte Reiner gleich nachgefragt, wo denn die Maschinen untergebracht wären. Man erzählte ihm, daß die Firma seit kurzem nach Zehlendorf umgezogen wäre und dort auch ihre Maschinen deponiert hätte. Die alte Adresse und Telefonummer ihres früheren Firmensitzes in Alt Moabit hatten sie noch beibehalten, weil sie mit diesen Angaben noch Werbung machte. Was der Junge behauptet hatte, stimmte also und ich fragte mich langsam , ob es jetzt immer so weiter gehen würde mit den eigenartigen sich aneinanderreihenden Begebenheiten. Aber damit ist diese wahre Geschichte zu Ende.

Ein paar Wochen später kam es noch zu einem anderen kleinen Zufallsereignis. Da derselbe Kunde einen Koiteich in seinem Garten installiert haben wollte, kontaktierte er einen Berliner Installateur, der sich mit der technischen Seite des Koi-Zierfischteiches intensiv auseinandergesetzt hatte. Man vereinbarte ein Treffen mit ihm zwecks Informationsaustausches. Als wir uns vor Ort unterhielten, erzählten wir, daß wir dabei wären uns 80 km von Berlin entfernt in einem 70-Seelen-Dorf namens Bartschendorf eine Existenz aufzubauen. Überrascht rief er aus: Da war ich doch gestern erst. Es stellte sich heraus, daß er wegen einer Kundenberatung zum Koiteichbau nach Bartschendorf gefahren war. Die Beratung fand bei dem einzigen neu Zugezogenen statt, der noch nicht wissen konnte, daß er in Reiner ebenfalls einen fachlich versierten Ansprechpartner zu diesem Spezialthema nur ein paar Häuser weiter hätte finden können.

Gesine Jochems